„Dixit Kant“


So sprach Immanuel Kant zu Warren McCulloch in der Höhle des Metaphysikers



1.


Seit ihrem Beginn suchte die mathematische Hirnforschung den Kontakt zu Immanuel Kant. In seinem Hauptwerk Kritik der reinen Vernunft unterzog Kant die Axiome und Postulate der Vernunft einer philosophischen Revision. Er erkannte die Wesensgleichheit der geistigen Operationen von naturwißenschaftlicher Arbeit und philosophischen Untersuchungen. Ziel der Kr. d. r. V. war, auch philosophisch zu beweisen, daß der Mensch der Gesetzgeber der Natur ist, indem der reine Verstand das Problem der Natur weitgehend auflöst in das Problem ihrer Erkenntnis. Der reine Verstand als „Quell“ aller Grundsätze ordnet vorab, a priori, die dem Menschen eigenen sinnlichen Anschauungsformen (Raum, Zeit; Kategorien), damit Anwesendes überhaupt zustande kommen kann. Jedoch blieb es Kant verwehrt, das Naturwißenschaftlich- Exakte des Erkenntnisablaufes in seine Kr. d. r. V. hineinzunehmen. Zu seiner Zeit waren die Mathematik als Logik der Symbole, die Biologie als Logik des Lebendigen und die physikalische Informationstheorie nicht in der Lage, den Wißensablauf der Vernunft auf ihrem Weg zur Erkenntnis als psychisch-physisches Ereignis im Hirn sichtbar zu machen. Das philosophische Erkennen der Vernunftstrukturen hieß für Kant Metaphysik, und diese selbst bezeichnete er als „Naturanlage, die in allen Menschen wirksam ist“ (Kr. d. r. V., B 21). Das anfängliche Intereße der modernen Hirnforschung am kantischen Bauplan der Vernunft lag also nahe. Nur dazu möchte das Folgende einen Beitrag leisten. Es liegt ihm fern, dem Dickicht der Kantkommentare einen weiteren hinzuzufügen. 1


2.


In der Tradition des Abendlandes gehören Verstand und Vernunft (ratio, logos) zum Denken. Als die Hirnforschung in der Lage war, das menschliche Gehirn durch Stromimpulse zu Reizreaktionen zu bringen und daraus Erkenntnisregeln abzuleiten, wurde die Beschäftigung mit der kantischen Philosophie zu einer reizvollen Aufgabe. Reizvoll, im wörtlichen Sinn verstanden: denn die Frage war, warum Empfindungen elektrische Reize produzieren, die im Gehirn zu Denkaktivitäten führen, und warum das elektrisch Gereizte als Wißen lesbar ist. Die Antwort gelang. Zudem noch mit einem praktischen Vorteil: Das elektrische Erzeugen und mathematische Auslesen von Hirnaktivitäten entband diese Disziplin davon, sich mit der oftmals verwirrenden und komplizierten Begriffsvielfalt von sich widersprechenden Titeln auseinanderzusetzen, die im Geschichtsverlauf die Theorien der Urteilsgewinnung prägten. Heute braucht der moderne Hirnforscher die Prinzipien, Axiome, Postulate, Kategorien und Urteile der zahlreichen Vernunftlehren nicht zu kennen. Es genügt, wenn er die Antwort weiß auf die Fragen „Was ist eine Zahl, daß ein Mensch sie kennen kann, und ein Mensch, daß er eine Zahl kennen kann?“ und „Was bringt mein Hirn in Tinte zu Papier?“.2


3.


Die moderne Hirnforschung fiel aber nicht von selbst vom Himmel der Erkenntnis. Die geschichtliche Phase der Aufklärung, in deren Ende Kant lebte, verlangte auch von den Naturwißenschaften ein klares, d. h. aufklärendes Bekenntnis ihrer eigenen Wißensposition. Diese legte sich als die absolute Rationalität im Mathematisch-Zahlenhaften fest. Nur dieses sicherte das wißenschaftliche Eindringen in die Gesetze der Natur. Zwar wurde schon in der Antike und noch mehr im kirchendogmatisch bestimmten Mittelalter mit Maß und Zahl rational gerechnet und experimentiert, aber das Entscheidende blieb aus: Das Denken nahm die gemeßenen Befunde neutral zur Kenntnis, es dachte sich nicht selbst hinzu, weil es keine Subjektivität kannte. Die Theologie des Mittelalters ließ kein eigenständiges weltliches Wißen aufkommen. Der mittelalterliche Mensch hatte sein ewiges Seelenheil nur im Glauben an das göttliche Wort zu finden. Alles Denken der Natur und das Experimentieren in der Natur hatte die von der Kirchenlehre verkündete göttliche Schöpfungsordnung (analogia entis) zu respektieren. Das Schulwißen der Scholastik setzte mit der ganzen Härte der Inquisition den göttlichen ordo durch. Deren Prozeße waren kurz. So konnte Galilei (gest. 1642) sein eppur si muove („und sie bewegt sich doch“)  – nämlich die Erde um die Sonne  – nur noch dort außprechen, wo er mundtot gemacht wurde: im Klosterarrest und unter absolutem Lehrverbot. Er stand vor der Alternative: entweder Folter und Scheiterhaufen oder Maulkorb. Erst 1992 wurde Galilei von der Päpstlichen Akademie der Wißenschaften von der Ketzerei freigesprochen, deren erster Präsident er selbst war (!).
Auch Descartes’ meditationes wurden auf den päpstlichen Index der verbotenen Schriften gesetzt. Er selbst suchte und fand Zuflucht bei den schon aufgeklärten europäischen Königshäusern und Fürstenresidenzen. Er starb 1650 in Stockholm.
Spinoza hingegen hatte weniger Glück. 1656 sprach der Oberste Amsterdamer Rabbinerrat den Bannfluch (Chrem) gegen ihn aus. Die zahlreichen Petitionen an das israelische Parlament, sich bei den jüdischen Glaubensautoritäten für eine Aufhebung des Banns einzusetzen, blieben bis heute fruchtlos. In seinen Schriften zog Spinoza die Rationalität der Theologie vor. Seine Erkenntnis lautete: Je nachdem, wie man die Substanz nach der Seite der Ausdehnung oder des Denkens betrachtet, kommt man zu physischen oder psychischen Erscheinungen. Dies ist unabhängig vom Dogma der Kirche.


4.


Erst als die Mathematik, theologisch befreit, sich zu einer forschenden Disziplin entwickelte und sich selbst als Prinzip alles Wißens vorschieben konnte, war überhaupt die Zuwendung der Hirnforschung zu den philosophischen Lehren von Descartes und Kant denkbar, weil sie die Subjektivität als das ich denke und das ich verbinde in den Rang eines Wißensaxioms gehoben hatten. Die Beschäftigung mit Kant war unumgänglich. Dabei intereßierte vor allem die wichtige Frage, wie die kantischen synthetischen Urteile a priori imstande sein sollten, eine Synthese zu denken, d. h. über das Seiende etwas beizubringen, zu „synthesieren“, was nicht erfahrungsgemäß aus ihm selbst geschöpft ist, was sich auf nichts Vorgängiges stützt.


5.


Das Credo der Hirnforschung lautet: Nur das naturwißenschaftlich Beweisbare, das verläßlich Überprüfbare, nicht aber die Postulate und Axiome einer mathematisch ungesicherten Metaphysik, bringen die Vernunfterkenntnis weiter. Daher wohnte der anfänglichen Zuwendung der Hirnforschung zu Kant zu einem großen Teil auch eine Sympathiebezeugung inne: man konnte nichts falsch machen, wenn man die philosophischen Leistungen in Sachen Vernunfterkenntnis eines eminenten abendländischen Denkers in den eigenen hirnanalytischen Diskurs hineinnahm. Damit bekundete man seine Verbundenheit mit der abendländischen Überlieferung, aber eine Pflege der klaßischen metaphysischen Denkpositionen durch die Hirnforschung mußte ausgeschloßen bleiben. Denn die zwischenzeitlich fortgeschrittenen exakten Naturwißenschaften zeigten mathematisch klar, daß es unter technologischen Bedingungen sehr wohl eine gegenstandslose Erfahrung sowie eine technische Subjektivität gibt, die sich radikal von den kantischen und cartesischen Erkenntnißen unterscheidet. Die symbolistische Mathematik erbrachte den Beweis, auf die Axiome der euklidischen Geometrie, der aristotelischen Logik und der newtonschen Physik (Mechanik) zu verzichten. Daher kann die Mathematik heutzutage auch in keinen ernsthaften wißenschaftlichen Dialog mit Kant eintreten. Es sei denn, man benutzt eine solche Hinwendung lediglich dazu, die eigene mathematische Überlegenheit in Sachen Erkenntnis herauszustellen. Wenn heute die moderne Technik eine Rückbesinnung auf ihre metaphysischen Wurzeln vornimmt, kommt sie zu dem Schluß, daß die Philosophie schon seit ihren Anfängen unter der technologischen Bedingung stand, also von Anbeginn unwißend eine Philosophie der Technik war.3
Dies sollte aber Kant nicht daran hindern, selbst zu sprechen, wenn er dazu aufgefordert würde. Außchließlich in diesem Sinn ist das jetzt zu Erörternde zu verstehen.


6.


Relativ spät wurde die Biologie in die Reihe der exakten Naturwißenschaften aufgenommen. Zunächst hatte die Mathematik ihre eigene Grundlagenkrise zu überwinden. Darin ging es um die Klärung der Frage, inwieweit das Mathematische Beweiskraft besitzt, die Biologie als Logik des Lebendigen zu fundieren und experimentell überprüfbar zu machen. Dieser Beweis gelang.
Dann erst war der Weg frei zur Ausbildung einer exakten Wißenschaft vom Hirn und zur Entwicklung logischer Modelle, um das Problem der Denkvorgänge im menschlichen Gehirn mathematisch gesichert näher zu untersuchen. Es sei daran erinnert, daß sich schon die antike Naturphilosophie mit Medizin beschäftigte und das Hirn als den Sitz des Gedächtnißes, des merkenden Wißens, betrachtete. Bedeutende antike Philosophen waren auch ärzte. Aristoteles studierte Medizin. Nietzsche wußte von diesem Verhältnis zwischen philosophischer Erkenntnis und Medizin. Nach seinem Wort ist der Philosoph der „Arzt der Kultur“. Aristoteles war bekannt, daß z. B. Verletzungen der Milz nicht zum Verlust des Gedächtnißes führen, wohl aber Kopfverletzungen. Mithin mußte die wißende Erinnerung ihren Sitz im Kopf und nicht in der Milz haben. Jedenfalls spielte schon in der antiken Medizin das Gehirn eine Rolle bei der Bestimmung von Logos, Vernunft und Denken. In der Naturphilosophie der Antike herrschte jedoch eine andere Auslegung des Seienden als heute und damit eine andere Art des Sehens der Naturvorgänge und des Befragens des Menschen. Diese Sichtweise kam ohne das wißenschaftliche Experiment aus, obwohl auch Aristoteles die Empirie (empeiría, experientia) kannte und in seinen Beobachtungen Zahl und Maß eine Rolle spielten. Aber es fehlte die Wißenschaftlichkeit des Experiments, d. h. die Notwendigkeit eines Gesetzes, gemäß dem die Abläufe verfolgbar waren. Die leichten Körper wie das Lodern der Flamme zog es nach oben, die schweren wie die Steine fielen nach unten. Das Leichte des äthers gehörte zum Himmelsgewölbe, das Gewichtige der Erde zog nach unten. Zu dieser Naturanschauung bedurfte es keiner vorgängigen mathematischen Gesetze.


7.


Galilei, Leibniz, Descartes und Newton besorgten wesentliche Grundsteine für ein aufschließendes Verständnis vom Denken durch Regeln der Logik. Diese naturwißenschaftlich orientierten Forscher des 16. und 17. Jahrhunderts waren alle Philosophen. Sie waren sich alle einer fundamentalen Wesensgleichheit bewußt, die ihre Größe auszeichnet: Es gibt keinen Unterschied zwischen den geistigen Operationen von naturwißenschaftlicher Arbeit und von philosophischen Untersuchungen. Mögen auch die Resultate verschieden sein, dennoch bleiben die geistigen Anstrengungen die gleichen. Deshalb ist es ein Irrtum, zu meinen, die Naturwißenschaft sei eine strengere Disziplin als die Philosophie. Die Naturwißenschaft ist nur exakter. Wenn allerdings die moderne Philosophie sich von der Logik der Mathematik vereinnahmen läßt und selbst der Mathematik Ratschläge erteilt, verliert eine solche Philosophie sowohl ihre Strenge als auch ihre Exaktheit, sie wird herrenlos.4 Aber die Herrenlosigkeit dieser Philosophie wird erst dann in ihrem vollen Umfang begreifbar, wenn sie beansprucht, ein Hauptwort mitzureden, sobald es um die „Reparatur von Wirklichkeit“ geht.5 Kant zeigte, was philosophische Strenge ist: er erarbeitete das „Architektonische“, nach welchem die beigebrachten Grundsteine auszurichten und zu verbinden, zu „vermörteln“, waren, und bezeichnete seinen Bauplan als „Vorriß“ seines Denkgebäudes (Kr. d. r. V., A 768; B 796).
Im Zeitablauf kam die moderne, mathematikgestützte, neurophysiologische Erforschung der Denkvorgänge so weit voran, daß gezeigt werden konnte, daß neuronal bestimmte Energiearten Bewußtsein bedingen. Ab ca. 1940 entwickelte die Hirnforschung Gesetze, nach denen das Hirn auf Reize zu reagieren hatte. Die Forschung konnte experimentell sichern, wie das Denken im Wißenden selbst abläuft. Warren McCulloch, amerikanischer Hirnforscher der ersten Stunde und Konstrukteur von bildgebenden Geräten zur Meßung und Analyse von reizinduzierten Hirnaktivitäten, wirft Immanuel Kant den Fehdehandschuh hin und führt aus:


8.


„Ich bin überzeugt, daß das [seine eigenen Beweise, daß neuronal bezogene Impulßteuerungen in Hirn und Rückgrat Erkenntnis erzeugen] ausreicht, um mich durch die Höhle des Metaphysikers zu führen, in der die Knochen früherer Erkunder verstreut sind. Einer von diesen ist sicherlich der Oberschenkel von Immanuel Kant, seine Verwechslung des empirischen mit dem epistemologischen ego. Er [der Oberschenkel] hielt Kant fest auf dem Boden der Naturwißenschaft, während sein Schädel besonders hoch ins Reich der Theorie ragte. Ein anderer Knochen ist sicherlich sein Schädel, der seine [Kants] Rechenmaschine beherbergte, denn das Netz seiner Relais verkörperte sein [Kants] synthetisches a priori. Falls meine Knochen neben die seinen fallen sollten, werden die Nachkommen hoffentlich mein Rückgrat erkennen. Deßen Gelenke sind der Aberglaube an eine notwendige Verbindung zwischen Ereignißen, wir nennen sie Kausalität.“6


9.


Wie könnte Kant zum Vorgebrachten Stellung nehmen? Wir wißen es nicht. Daher laßen wir ihn sprechen.


10.


„Ich freue mich, daß das Schicksal deinen zu Lebzeiten geäußerten Gedanken verwirklicht hat. Nun ruhen deine Gebeine neben den meinen.7 In der Höhle des Metaphysikers spielen die 250 Jahre, die uns voneinander trennen, nur für Historiker eine Rolle. Wir beide unterliegen jetzt einer anderen Chronologie. Doch deshalb sind wir nicht zeitlos, der Zeit enthoben. Jedes Sagen in der Höhle des Metaphysikers bringt zudem den Vorteil, ungestört zu bleiben von den Ansichten der Lebenden. In diesem Sinn erinnere ich dich, Warren McCulloch, an eine alte griechische Weisheit der Stoa, wonach den Wachen unter den Lebenden eine Welt gehört, den Philosophierenden unter den Toten eine andere. Daher konnte der Tod weder meine Vernunftkritik noch deine Forschungsergebniße vernichten. Auch blieb ihm verwehrt, unsere Erinnerung an das Wißen der Alten, unserer Vorgänger, auszulöschen. Welche Berechtigung sollte der Tod auch heranziehen können, uns als Gestorbenen die Erinnerungen an das Lebendige unserer Alten zu unterbinden? In gleicher Weise kann der Tod auch nicht unsere Beobachtungen der Handlungen der jetzt Lebenden verhindern. Aber Ratschläge können wir ihnen nicht mehr geben. Wie wir zu unseren Lebzeiten, so haben auch sie, die Heutigen, ihre Erkenntniße selbst zu gewinnen, zu verwalten und die daraus erwachsende Geschichtsverantwortung zu übernehmen. Inwieweit jedoch die Jetzigen unsere Erkenntniße, die wir ihnen oben zurückgelaßen haben, mit hineinnehmen in die Gestaltung ihres eigenen Daseins, entscheiden außchließlich sie selbst. Diese Freiheit läßt ihnen der Tod.“


11.


„Nur als einem Wachen unter den Lebenden war dir zu Lebzeiten gestattet, einen Blick in die Höhle des Metaphysikers zu werfen. Dies war dein Privileg: in der Helle des Sonnenlichtes konntest du, Warren McCulloch, den Kontakt zu mir, dem Abgelebten Immanuel Kant, suchen. Was dich an meinen Erkenntnißen störte, hast du zu Lebzeiten in aller Klarheit ausgedrückt: meine synthetischen Urteile a priori und mein Hirn. Doch hier, in der Höhle des Metaphysikers, wo unsere Gebeine nebeneinander ruhen, müßen wir uns nicht mehr bei Unerheblichkeiten aufhalten, wie z. B. der Frage, ob du das Gewichtige meiner Kritik der reinen Vernunft in vollem Umfang verstanden hast. Denn zurückgelaßen haben wir unsere Erkenntniße den Lebenden, nicht uns. Mit deinen damaligen Untersuchungen der Auswirkung von elektrischen Reizen auf Hirn und Nervenzellen legtest du den Grundstein zu einer mathematischen Auslesung der in Gehirn und Rückenmark gespeicherten Erkenntniße. Denken und Mathematik wurden aufeinander umklappbar.
Du zeigtest im Labor, wie deine Nachfolger den cerebralanalytischen, lernfähigen Apparatebau weiterzubringen haben, damit zu jedem denkbaren Gedanken der Entwurf eines neuronalen Netzes gehört, das diesen Gedanken schaltet. Sodann kannst du dir zugute halten, daß die Hirnforschung in den Rang einer Königsdisziplin der Wißenschaft vom Denken des Menschen gehoben wurde. Sogar die Vergabepolitik der Nobelpreise der Medizin, Biologie und Chemie hast du mitgeprägt.
Ich selbst, Immanuel Kant, mußte die Vernunft erst aus ihrer jahrhundertealten Konditionierung durch die Kirchendogmatik befreien. Mit der ‚kopernikanischen Wende‘ meines Denkens wollte ich in einem Begriff das Neue zusammengefaßt wißen, daß die Gegenstände sich nach unserer Erkenntnis zu richten haben, und nicht umgekehrt.
In der Analogie des theologisch nicht mehr beeinflußbaren neuen Zugangs zu den Gegenständen der Natur machte ich, ohne es explizit zu erwähnen, in meiner Untersuchung Kritik der reinen Vernunft vom mente concipio (‚ich denke mir im Geiste‘) des Galilei Gebrauch. Ich nannte das mente concipio die ‚Einbildungskraft‘ der Vernunft. Auf dieser, und auf nichts anderem, entwarf ich das Gebäude der Vernunft.8
Davon profitierte vor allem deine Hirnforschung. Denn auch sie, vielleicht mehr, als du einzusehen vermagst, gründet auf einem mente concipio. Deshalb empfinde ich es als keineswegs störend, wenn du meinen Schädel als einen von Relaißtationen besetzten Hirnraum bezeichnest. Sieht denn der Inhalt deines Schädels etwa anders aus? Doch in der Höhle des Metaphysikers bleibt dies bedeutungslos, wie auch deine Ausführungen zum Aberglauben der Kausalität hier unten nichts mehr bewirken.“


12.


„Nachdem nun Gemeinsamkeit zwischen unseren Skeletten besteht, sollten wir das uns Einende in einen einzigen Blick nehmen und ihn auf die Lebenden fokußieren. Denn was bringt uns die bloße Sicht auf uns selbst? Zudem wißen wir nicht, wer sonst noch zu uns herabfällt und welche Schädelerkenntniße dieser mitbringen wird. Unsere Blicke auf die Lebenden sind frei von Kausalität. Doch ist der Inhalt meines Schädels nicht mit Relais bestückt, wie du sagst, als dein neuronalwißenschaftlicher Beitrag zur Richtigstellung der Synthesis meiner angeblich apriorischen Fehlurteile? Aber genau diese Relais-Erkenntniße erlauben mir jetzt den mathematischen Blick auf dich, Warren McCulloch. Was also sehen wir, wenn wir uns gegenseitig anblicken? Jetzt, wo du uns beide über die Relais auf die gleiche Augenhöhe der Erkenntnis gebracht hast? Höre mein letztes Urteil zu meiner eigenen Vernunftkritik: Wir beide, du und ich, jeder auf seine Weise und jeder nach seinen Fähigkeiten und kulturgeschichtlichen Eingebundenheiten, öffneten dem Dasein des Menschen das Erkenntnistor zu Codierung und Digitalisierung alles Lebendigen, zur Kybernetisierung aller Lebensformen und Existenzweisen und sogar zu Eingriffen in seine eigene Evolutionsgeschichte. Wir stellten den Menschen auf den Weg in den Zenit des Vernunftwißens. Schrankenlos machen die Lebenden von dieser Erkenntnis Gebrauch. Der Welt aber, Warren McCulloch, nahmen wir ihre Heiterkeit. Sic transit gloria mundi?

* Dixit Immanuel Kant (1724 bis 1804) *



Nachwort:

Soweit ein nachheriges Sagen angebracht ist, muß die Frage erlaubt sein, ob die Philosophie des Abendlandes nicht auch als schicksalhafte Grundlage dafür herzuhalten hatte, daß die heutige Wißensgestaltung in der Totalität ihrer technischen Machtansprüche an die Kulturgesellschaften Chinas und der USA übergegangen ist. Die Frage kann daher nur sein, wie und in welchem Maße Europa sein Eigengewicht in die zivilisatorische Gestaltung des jetzigen und künftigen Weltgeschehens und seines Menschenschlages noch in die Waagschale einbringt. Diese Abwägung findet derzeit statt.
Zur fundierten Wesensbeschreibung des technisch orientierten Menschenschlages gibt es bislang nur die Ausführungen von Nietzsche (Übermensch) und von W. Heisenberg (Kapitän), die sich geistig mit dem Typus dieses neuen Menschen auseinandersetzten. Zu seinem Kapitän führt Heisenberg aus: „Mit der scheinbar unbegrenzten Ausbreitung ihrer materiellen Macht kommt die Menschheit in die Lage eines Kapitäns, deßen Schiff so stark aus Eisen und Stahl gebaut ist, daß die Magnetnadel seines Kompaßes nur noch auf die Eisenmaße des Schiffes zeigt, nicht mehr nach Norden.“9
Doch Heisenberg geht auch auf den schicksalhaften Bezug ein, dem sich der durch die eigene Technik zur Orientierungslosigkeit gezwungene Kapitän gegenübersieht: er ist dem Prozeß eines zunehmenden Sichabfindens ausgesetzt. 10 Daraus folgt: Außchließlich mit einem solchen schicksalhaft bedingten Mangel auf der Suche nach einer Orientierung durch die moderne Technik hat sich die Weltzivilisation jetzt auseinanderzusetzen. Geht sie dem aus dem Wege, kann sie nicht mehr ihre europäischen Ursprünge erkennen und kommt zu keiner Besinnung. Aber auch das Europäische begibt sich seiner Wurzeln in dem Maße, wie es diesen Mangel aus den Augen verliert. In dieser Hinsicht ist die Höhlenmetapher Kant/McCulloch als eine schicksalhaft bedingte planetarische Gestaltungsübergabe anzusehen: Die USA (McCulloch) verlangen von Europa (Kant) das Weiterreichen eines Staffelstabes, den Europa zwar konzipiert hat, aber nicht loslaßen will. Wie soll dann das Rennen weitergehen, und an welches Ziel soll es kommen?

Vortrag gehalten am 14. Juli 2017 von Otto I. Röthel im Rahmen der frei finanzierten Vortragsveranstaltung „Cunitenser Strandgespräche 2017 zur gegenwärtigen Lage der Philosophie und der Technik“ (April bis Oktober 2017) in Cunit, Playa de Cunit, Chiringuito Nr. 7 (Martha).

Mein Dank gilt Felix Dan und Christian Boerschmann (beide Berlin) für ihre wertvollen Anregungen. Ein besonderes Lob verdient Johannes Schwarz (Berlin) für sein unermüdliches Engagement, neben seinen sachdienlichen Kommentaren, den unsortierten Belegen des Vortrages ein lesbares Erscheinungsbild gegeben zu haben.

Der Autor: Otto I. Röthel, Calle Costa Daurada 1, 8-1, E-43881 Cunit (Tarragona).

Zitate nur mit Quellenangabe erlaubt.


1 Der Mathematiker Lichtenberg, ein Zeitgenoße Kants, nahm die schon zu Lebzeiten Kants florierenden Kommentare zur Kritik der reinen Vernunft zum Anlaß, einen persönlichen hinzuzufügen, indem er auf humorvolle und ehrliche Weise sein Unvermögen, in dieses Werk einzudringen, in die Worte faßte: „Wenn dieses Philosophie ist, so ist es wenigstens eine, die nicht recht bei Trost ist“ und verglich sie mit einer „Theorie der Falten in einem Kopfkißen“ (Georg Christoph Lichtenberg: „Sudelbücher“, L 237 und L 473). Das Scheitern zahlreicher kluger Köpfe an Kant hält auch heutzutage an.

2 Titel gleichlautender Vorträge von Warren McCulloch, in Warren S. McCulloch: „Verkörperungen des Geistes“ (Hg.: Rolf Herken), Springer, Wien/New York 2000, S. 8 –23 („Was ist eine Zahl ...“) und S. 230 –239 („Was bringt mein Hirn ...“)

3 Michael Hagner, Erich Hörl (Hg.): „Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008; Erich Hörl (Hg.): „Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2011

4 vgl. Erich Hörl: „Zahl oder Leben. Zur historischen Epistemologie des Intuitionismus“, in: „Bilder der Natur  – Sprachen der Technik“, David Gugerli, Michael Hagner et al. (Hg.), Diaphanes, Zürich/Berlin 2005, S. 57 –81

5 vgl. die Gesprächsreihe der Berliner Akademie der Künste „Metabolic Office Battle  – Gespräch im Metabolischen Büro zur Reparatur der Wirklichkeit“, hier: Streitgespräch „Wie die technische Gegenwart verstehen?“ zwischen Erich Hörl und Dieter Mersch vom 6. 11. 2014 (YouTube, hochgeladen am 20. 2. 2015)

6 McCulloch: a. a. O. (siehe Fußnote 2)

7 Auch James Clerk Maxwell (1831 bis 1879), deßen Leistungen zu den wichtigsten Erkenntnißen der Elektrizitätslehre zählen, auf die keine moderne Hirnforschung und kein cerebral- technischer Apparatebau verzichten kann, fühlte sich auf besondere Weise in die Höhle des Metaphysikers gezogen. Er vermutete dort das Ideal der reinen Intelligenz in der Gestalt des Mathematikers. Nur ein solcher könne eine ungetrübte mathematische Beziehung zwischen den Gedanken und den Molekülen eines rechnenden Gehirns verstehen. Aufgrund seines Wißens nahm er an, daß die gesamte Natur gemäß einer Logik des Symbolischen operiere. Doch Maxwell kam zu früh. Erst hundert Jahre später gelang der Hirnforschung als Teil der Logik des Lebendigen dieser Beweis. Maxwell war sich der Kühnheit seiner Gedanken bewußt. Denn zu wißen, wie das Wißen im Wißenden abläuft und daß das Hirn Elektrizitätseigenschaften haben könnte, mußten seine Zeitgenoßen als pure Science-Fiction bezeichnen. Daher scheute Maxwell den Gang „through the very den of the metaphysician“ (durch die eigentliche Höhle des Metaphysikers), weil er keinen Einstiegsführer fand. Er beklagte sich: „But who will lead me into that more hidden and dimmer region where Thought weds Fact, where the mental operation of the mathematician and the physical action of the molecules are seen in their true relation?“ (James Clerk Maxwell: „Addreß to the Mathematical and Physical Sections of the British Aßociation“, Liverpool 1870, S. 2 –15) In der „verborgenen und dunklen Höhlenregion des Metaphysikers“ vermutete Maxwell das Reelle des mathematischen Denkens, wo die „geistigen Operationen des Mathematikers und die physische Bewegung der Moleküle“ anzutreffen sind.

8 Galilei bestimmte, Newton achtzig Jahre vorlaufend, über eine Fiktion des Verstandes das Bewegungsverhalten aller Gegenstände. In seinen Discorsi (1638), die unter den„päpstlichen Bann fielen, führte er aus: „Mobile mente concipio ... omni secluso impedimento.“ (Ich denke mir im Geiste ein sich völlig selbst überlaßene Bewegbares.) Das mente concipio legt vorab das Konzept fest, nach dem sich die Bewegbaren zu richten haben. Galilei aber konnte nicht sehen, daß das mente concipio als ein Vorab-im-Geiste-Haben ein transzendentaler Akt der Vernunft ist. Kant gab es noch nicht.

9 Werner Heisenberg: „Das Naturbild der heutigen Physik“, in: „Die Künste im technischen Zeitalter“, Bayerische Akademie der Schönen Künste (Hg.), Wißenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1956, S. 46.

10 ebenda, S. 43 ff.